Geschichte erlebbar machen, Altes bewahren und der neuen Ausrichtung Rechnung tragen: die Frage, wie sich der historische Berggasthof seinen Gästen nach der behutsamen Phase der Sanierung in Sachen Kunst präsentiert, hat das Planungsteam unter der Federführung der Münchner Kunstberaterin Eva Müller über Monate beschäftigt. Das von der Familienstiftung Wilde eingebrachte Kunstkonzept ist bewusst unaufdringlich und zugleich thematisch gegliedert: ob die historischen Stuben, der erste Stock mit seinen Gästezimmern oder der neue Gastraum im Erdgeschoss – Kunst am Streichen tritt mit der Vision an, kommenden Generationen bayerisches Kulturerbe authentisch zu vermitteln und auch „so nebenbei“ im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen.
Aus dem vorhandenen Bildbestand des Berggasthofes wurden zunächst Werke, die noch gut erhalten waren, gereinigt und für die historische Stuben mit neuen Passepartouts und Rahmen versehen. Ihr Wert liegt in der Wiedererkennung und der Tradition des Gasthofs. Stilistisch bewegen sich die Bilder häufig im Bereich der naiven Malerei und Volkskunst. Sie erzählen von der besonderen Landschaft des Achentals, der legendären Streichenkirche und der Umgebung des Berggasthofs. Manche wurden als Geschenk überreicht, andere angekauft, ihre Herkunft ist nicht immer vollständig zu klären. Nun sind sie in jedem Fall wieder Teil einer langen Tradition.

Zum Kachelofen mit dem Motiv der St.-Servatius-Kirche in der ältesten Stube fügt sich das schöne Marienbild in der Nische. Alte Postkarten zeigen verschiedene Ansichten der Umgebung, und prominent hängt ein naiv-fröhliches Bild des einheimischen Rotwilds. Auf der gegenüberliegenden Seite wird die Bedeutung der Streichenkirche deutlich. Sie war wohl das häufigste Motiv einheimischer Künstler. Ein Aquarell zeigt eine farblich besonders harmonische Darstellung der Bergwelt. Die Urkunde verweist auf den früheren Besitzer des Mesnerhauses: Baron Franz von Winkelhofen, Ehrenmitglied des Militär-Veteranen-Vereins noch unter Erzherzog Heinrich, 1910. Die Gewölbestube zeigt denselben Baron Franz von Winkelhofen mit einer Kiepe, also ganz unaristokratisch-pragmatisch im Alltag. Daneben sein Sohn Dominikus von Winkelhofen, der das Haus kreativ umgestaltete, bevor Anna Strohmayer mit ihrem Kaffeeausschank ein neues Kapitel aufschlug und gemeinsam mit ihrem Mann Franz schließlich einen Gasthof eröffnete.
Blumenmotive ziehen sich durchs ganze Haus, an den Decken, Möbeln, Wänden. Durch die sensible Freilegung und Restaurierung der Neubauer Werkstätten sind sie nun wieder sichtbar. Ein unverfälschtes Kultur Erbe Bayern - die Hinterglasmalerei hat in Oberbayern eine lange Tradition, meist als Volkskunst mit Votiv- und Heiligenbildern. Vor rund 100 Jahren erfuhr sie durch die Künstler des Blauen Reiter, allen voran Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, eine künstlerische Neubelebung. Gemeinsam mit Schlechings Altbürgermeister Fritz Irlacher wurden charakteristische Blumen der Umgebung am Streichen ausgewählt, nach denen die Gastzimmer benannt sind. Was diese Pflanzen so besonders und schützenswert macht, ist in den Texten der jeweiligen Zimmer nachzulesen.
Maja Ott schien die ideale Künstlerin, um unsere Idee mit den Blumen als Zimmerkennzeichnung weiterzuführen. Seit sie die Hinterglasmalerei 2010 für sich entdeckte, hat sie diese Technik zu ihrer eigenen gemacht. Die Hinterglasmalerei verlangt nicht nur eine seitenverkehrte Komposition, sondern auch einen umgekehrten Malvorgang: Man beginnt mit den Vordergrunddetails und legt den Hintergrund erst im letzten Schritt an. Für die Bilder am Berggasthof Streichen hält sich Maja Ott akribisch an die realen Formen der heimischen Blumen.





Im der neuen Gaststube finden sich Objekte aus einem Kunstprojekt der Malerin Sabine Frank. Ihre Brote und Gemüse entstanden auf Privatdokumenten des 17. bis 19. Jahrhunderts: Eheverträge, Notarpapiere für Pachtangelegenheiten oder Erbvereinbarungen. Zeitgenössische Kunst und historisches Schriftgut verschmelzen hier zu einer ungewöhnlichen Einheit. Ein stimmiger Bezug zur langen Geschichte des denkmalgeschützten Berggasthofs.
Die Brote entstanden in einem drei Jahre währenden Kunstprojekt. Jeden Tag kaufte die Künstlerin ein Brot, malte und aß es anschließend mit Freunden. Dabei wählte sie ausschließlich Bäckereien, die noch nach traditionellen, handwerklichen Methoden backen. So entstand ein Archiv der Brotkultur aus Frankreich, Italien, der Schweiz, Österreich und Deutschland. Sabine Frank dokumentiert damit die geschichtliche Bedeutung des Brotes als existentiellem Grundnahrungsmittel des europäischen Kulturraums. Doch es geht ihr nicht nur um den rein physischen Wert. Brot ist auch ein Symbol. Bei allen Ackerbau treibenden Völkern gilt es als heilig. Es gab strenge Regeln für Backen, Anschneiden, Hinlegen und Aufbewahren. Einige sind bis heute lebendig, etwa das Kreuzzeichen über dem Brot vor dem ersten Schnitt.
Sabine Franks Gemälde sind eine Hommage an die Kultur eines ehrwürdigen Handwerks, das durch die Technisierung der Lebensmittelherstellung zunehmend verdrängt wird. Vielerorts hat die vollautomatisierte Backstraße mit ihren Fertigmischungen und Geschmacksverstärkern den Siegeszug angetreten. Brot und alte Gemüsesorten sind dank des Kunst-Sponsorings der Yvonne & Thomas Wilde Familienstiftung nun in der neuen Gaststube im Berggasthof Streichen zu entdecken.

