Berggasthof Streichen: eine Zeitreise

In der späten Bronzezeit werden im Inntal Kupfer und Silber abgebaut und im Voralpenland gehandelt. Sichel, Meißel und Schmuck aus dieser Zeit wurden am Streichen gefunden und sind als Zeugnisse der Urnenfeldzeit in der Almenausstellung im „Alten Bad“ in Unterwössen zu sehen.

Streichen: „Strich, Saumpfad“
Ein Handelsweg und Schmugglerpfad. „Säumer“ transportieren mit ihren schweren Kraxen und auf dem Rücken ihrer Pferde Salz von Berchtesgaden über die Alpen und bringen auf dem Rückweg Wein aus Südtirol.

1164/1184

1164/1184 sind die Streichenritter als Siegelzeugen erwähnt. Ritter Chuno de Strichen kommt beim 3. Kreuzzug mit Kaiser Friedrich I, genannt Barbarossa, ums Leben. Sein Bruder Hartwig wird 1184 in Raitenhaslach beerdigt. Im 12. Jh. leben hier die Grafen von Marquartstein und Kraiburg-Ortenburg.

Das Streichenwappen im Begräbnisbuch von Raitenhaslach (Staatsbibliothek München)

1434

St. Servatius (mit unterschiedlichen Ursprungsgeschichten) ist der Patron für gute Ernten, einer der Nothelfer bei Rheumatismus, Rattenplagen und Fußleiden. Er wendet sich an die bäuerliche Bevölkerung. Als Eisheiliger hilft er bei Frostschäden.

Die Wallfahrtskirche St. Servatius am Streichen gilt als eines der bedeutendsten Kunstdenkmäler im Achental. Die Fundamente stammen vermutlich aus den Steinen der abgegangenen Burg.

1435

1435 wird Künzel Wiser in Wagrain erwähnt. Als Wishai wird der Unterhalter eines Pfarrhofes bezeichnet

1504-1748

Mit dem Ende des Rittertums müssen die Bauern ihre Heimat selbst schützen oder als Söldner in den Krieg ziehen. 

1322 gründen sich dafür die Gebirgsschützen. 1504 -1506 sind sie beim Niederbayerischen, 1701-1706 im Spanischen, 1740- 1748 im Österreichischen Erbfolgekrieg und von 1800 bis1815 im Napoleonischen Krieg dabei. Danach lösen sich die Gebirgsschützen auf und gründen sich erst 1973/74 wieder.

1704

Krisen gibt es über die Jahrhunderte immer wieder am Streichen: 1704 fällt der Hof den Brandschatzern im Spanischen Erbfolgekrieg zum Opfer, wird 1707 wieder aufgebaut, brennt 1740 im Österreichischen Erbfolgekrieg erneut ab. Der Mesner Christian Rachl kann 1743 wieder einziehen und erweitert das Haus 1747 um Stall und Tenne. Nicht umsonst entstehen in der Zeit der Aufklärung um 1791-1805 umfangreiche Brandschutzverordnungen.

18. Jh

Im 18. Jh. werden die beliebten und begehrten Heil- und Farbkräuter vom Streichen auch in die weitere Umgebung verkauft. Bis heute findet man hier im Umfeld seltene Orchideenarten. Die Gastzimmer sind nach einer Auswahl charakteristischer Blumen benannt.

1811

1811 erbt der Mesner Martin Rachl den Streichenhof, 1877 folgen Maria und Peter Seywald. Ursula und Franz von Winkelhofen - verarmte Baronin und Baron aus Erl in Tirol - erwerben ihn 1883.

1912

1912 werden vom Zimmermann Vinzenz Bachmann in der Wallfahrtskirche St. Servatius Teile von Secco-Malereien von 1440 wiederentdeckt, die wahrscheinlich von Ulrich von Freyberg in Auftrag gegeben worden waren. Die Malereien waren während der Barockisierung der Kirche im 17. Jh. übermalt worden.

1940

Baron Dominikus von Winkelhofen jun. vermacht den Hof 1940 Franz Strohmayer. Während er noch im Krieg ist arbeitet seine Frau Anna am Streichen. Sie beginnt mit dem Ausschank von Kaffee und Kuchen - und leitet damit eine neue Ära für den zukünftigen Berggasthof Streichen ein. Ihr Mann kommt erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

1944

Pfarrrer Eduard Pichler sorgt für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands in der St. Servatius Kirche und so wird auch der Christopherus 1944 wieder halb sichtbar, 1953 in Gänze. Nach ihm hieß es im Dorf schon immer: „Der ist so groß wie der Christopherus“. 1953 erfolgt die vollständige Renovierung unter Leitung von Pfarrer Pichler und vielen Unterstützern wie dem Arzt Dr. Franz Zech aus Grassau und dem Zimmermeister und Ortsheimatpfleger Vinzenz Bachmann.

1951

Anna und Franz Strohmayer brechen den baufälligen Stall ab und errichten einen Gastraum. 1951 erhalten sie eine Schankkonzession und können den Hof zum Wirtshaus umbauen. 1987 errichten sie weitere Gästezimmer, 1989 erfolgt eine umfassende Renovierung von Dach und Dachstuhl. 1998 wird der Troadkasten (Getreidespeicher) mit Backhäusl abgebrochen und 2001 durch einen Almkaser ersetzt.

Die Strohmayers sind legendäre Wirtsleute: Anna ist die starke Frau im Hintergrund, Franz Strohmayer gewinnt etliche Preise als begnadeter Skifahrer, Skispringer – und beim Schuhplattln. Die Gäste – Pilger oder Bergwanderer – kehren zum Essen und Trinken, Schuhplattln, Alphornblasen oder für den Volkstanz in die Streichenwirtschaft ein.

1984

1984 übernimmt Sohn Franz Strohmayer jun. den Berggasthof. Der ausgebildete Koch ist ebenfalls ein begnadeter und oft ausgezeichneter Schuhplattler. Ihm zur Seite steht seine Lebensgefährtin Lydia Drincic, seine Schwester Anneliese und sein Bruder Hans. Als Franz überraschend mit 71 Jahren stirbt, entschließen sich seine Geschwister Anneliese Laute und Hans Strohmayer schweren Herzens, das Anwesen in neue Hände zu geben. Sie entscheiden sich für zwei gemeinnützige Stiftungen als künftige Besitzer.

Dem Schlechinger Altbürgermeister Fritz Irlacher und seinen Mitstreitern auf beiden Seiten des Geigelstein ist es zu verdanken, dass die fragile Alpenlandschaft in der Region nicht von Liften, Schneekanonen und Abfahrtspisten dominiert wird. Er kämpft für die Flora und Fauna der Region, für den Erhalt der Moore und lässt Radwege anlegen. Als Initiator des „Ökomodells Achental“ stellt er neue Weichen in Landwirtschaft und Tourismus und führt seine Heimatgemeine in eine grünere Zukunft. So schätzen den Ort viele illustre Gäste und Unterstützer am Streichen wie Bundespräsident Theodor Heuss, hier mit Bürgermeister Georg Stöger, sowie Eva und Horst Köhler, Bundespräsident a.D.. Landtagspräsident a.D. Alois Glück wird einer der ersten Mitglieder der Bürgerinitiative Streichenfreunde.

2021

Um den Wunsch der Erben und vieler Schlechinger Bürgerinnen und Bürger zu folgen, verbinden sich verschiedene lokale Initiativen mit dem Ziel, den Berggasthof für alle zugänglich zu erhalten. Er soll auch für zukünftige Generationen als lebendiges Zeugnis bayerischer Wirtshauskultur bewahrt werden. Gemeinsam erwerben die gemeinnützige Yvonne & Thomas Wilde Familienstiftung und die Initiative Kulturerbe Bayern mit tatkräftiger Unterstützung der Initiative Streichenfreunde den Berggasthof. 
Nach einer aufwändigen, sensiblen und denkmalgerechten Sanierung wird der Berggasthof mit einer Erweiterung der Wirtsräume und Gästezimmer 2026 wieder eröffnet.